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Es war klar, daß die Gruppe sich teilen würde.
Die Kinder selbst haben es als etwas Neues erlebt und ihre Grenzen ausgetestet, sowohl die aggressiveren Kinder als auch diejenigen, die die Aggressivität herausgefordert haben. Die sind dann öfter aufeinander geknallt. Ich habe nicht den Unterschied zwischen Starken und Schwachen in Erinnerung, sondern eher zwischen Angreifern und Provokateuren. Und dann haben die Kinder mitbekommen, daß die Eltern sich darüber streiten, was Auswirkungen hatte auf ihr eigenes Verhalten. Das war eine spannende Angelegenheit.
Ich glaube, daß die Aufspaltung in zwei Gruppen richtig war, weil der Streit sich auf diesen Punkt konzentriert hat und es keine Chance gab, etwas weiterzuentwickeln. Im Grunde muß mehr dahinter sein: Es geht um Vertrauen und Mißtrauen, das man jemandem entgegenbringt. Dabei spielt der Lehrer der Gruppe eine zentrale Rolle.
Bei der Übersiedlung der Gruppe in die Tempelgasse ich war von Anfang an dabei wurde ich als Lehrerin aufgenommen. Die Kinder betreute ich von Anfang an, denn in der Tempelgasse war eine Kindergruppe, die fast geschlossen in die Schule übergegangen ist. In dieser Gruppe waren viele Kinder bis zum Alter von 14 oder 15 Jahren. Das ist eigentlich eine pädagogische Erfahrung, die ich für sehr wertvoll halte. Da hast du gesehen, wie alternative Erziehung wirken kann, wenn sie wirklich früh ansetzt und bis zum Ende der Pflichtschulzeit dauert. Das hatten wir sonst nicht: Die Kinder waren vorher nicht in Kindergruppen, oder sie kamen aus öffentlichen Schulen. Solche Voraussetzungen führen immer woanders hin, als wenn du eine Gruppe hast, die lange und von klein auf zusammen ist, und in der sich eine Art zu leben und zu lehren durchzieht. Jenen Kindern z.B., die vier Jahre oder länger in einer öffentlichen Schule waren und dann erst zu uns kommen, hat das System schon so viele Probleme aufgehalst, daß es einfach eine Weile dauert, bis sie die wieder loswerden. Wie lange dies dauert, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Wenn die Kinder in eine sehr stabile Gruppe hineinkommen, die LehrerInnen sehr achtsam sind und die Familie mitspielt, dann dauert es ein Jahr. Ich habe auch einige erlebt, bei denen dauerte es zweieinhalb Jahre, bis sie sich erholt hatten und wußten, was sie wollten. Ich möchte mit einigen Worten beschreiben, was das ist, was diese Kinder mitbringen. Sie bringen eine Schulablehnung mit, die zu sehr viel Widerstand und Aggression führt. Diese Kinder haben nie gelernt zu schauen: wer bin ich und was will ich, was will ich lernen und was will ich tun. Für diese Kinder ist eine Alternativschule zunächst einmal das Paradies, wo sie nichts tun müssen. Von dort wieder dahin zu kommen: was interessiert mich eigentlich, was kann ich leisten, was kann ich tun, was kann ich gut
das ist ein sehr langer und schwieriger Weg, aber es gelingt. Daran können wir auch sehen, wohin dieser Zwang der Regelschule führt. Was ich am meisten bedauere, ist, daß die öffentliche Schule so wenig von den Alternativschulen annimmt.
Es gibt verschiedene Dinge, die in unserem ersten Konzept zum Thema Lernen bereits enthalten waren jetzt heißt es Projektunterricht : ein Thema von allen Seiten her anschauen und untersuchen, und einige Kinder arbeiten im Team daran. Vernetztes Denken, heute ein Schlagwort, oder ganzheitliche Bildung. Dann hat es gute zehn Jahre gedauert, bis die ersten LehrerInnen an öffentlichen Schulen ihre Scheu abgelegt hatten, sich alles etwas näher angeschaut und sich dafür interessiert haben. Heute steht in jedem Schulkonzept etwas davon. Es gibt ein ÖVP-Hochbegabtenghetto (Gymnasium im vierten Wiener Gemeindebezirk), das sich "Sir Karl Popper Schule" nennt und Zugang zu allen finanziellen Ressourcen hat. Auch diese Schule führt die Punkte in ihrem Konzept auf. Leider steht das jetzt nur Hochbegabten zur Verfügung, die anderen fallen durch. Die Schlagworte wie vernetztes Denken, Projektunterricht usw. werden aber auch in dieser Schule an das wahnwitzige System der Leistungsbeurteilung nach den fünf Ziffern gekoppelt. Die Lehrer der Schule beschweren sich, daß die Kinder "sozial" schwach begabt sind. Ich glaube aber eher, daß die Lehrer und das System schwach begabt sind. Die SPÖ ihrerseits hat die "Schulpeter"-Handelsakademie, auch ein Hochbegabtenghetto, das im Herbst 1999 in Betrieb gehen wird. Da steht all das ungeschönt im Konzept, ohne daß die Alternativschulen erwähnt würden. Und auch ist alles wieder gebunden an das unsägliche Notensystem. Die haben alle noch immer nicht begriffen, daß die Kinder mehr leisten, wenn das Lernen ihnen Freude macht, wenn sie die notwendige Unterstützung haben in ihren jeweils eigenen Zyklen.
Die öffentlichen Schulen übernehmen jetzt auch jenen Teil der Alternativschulpädagogik, der von seiten der Wirtschaft gefordert wird: "Teamwork" ist gefragt, die Fähigkeit, an Projekten zu arbeiten, soll erlernt werden. Den zweiten Teil, der die Freude in der Schule und das angstfreie Lernen umfaßt, wollen sie sich nicht anschauen. Sie sind einfach vollkommen unkreativ in bezug auf ihr Beurteilungssystem.
Aber es geht auch spannend weiter. Ich bin für die Grünen im Kollegium des Stadtschulrates, kann es dort aus nächster Nähe mitverfolgen und bekomme viele Diskussionen mit. Es erstaunt mich immer wieder, wie es "die Mächtigen"im Schulwesen schaffen, einen Teil Schule nämlich Lernen, Freude und Motivation so sehr verdrängen zu können; das ist schon faszinierend. Das Wesentliche in bezug auf unsere Schule war, daß Kinder und Erwachsene viel miteinander zu tun haben, sowohl privat als auch in der Schule, daß sie gemeinsam viele Dinge unternehmen, miteinander wegfahren, Feste feiern
das alles gehört halt auch dazu. Wir hatten wirklich jede Woche donnerstags Elternabend, und der Donnerstag ist in meinem Kopf noch immer ein besonderer Tag, obwohl es lange her ist. Es wurde so vieles besprochen mit einer Offenheit, die ja in einer öffentlichen Schule so weder möglich noch üblich ist.
Wir konnten in der Alternativschule tatsächlich von den anderen lernen. Auch wir Erwachsenen haben unendlich viel voneinander gelernt und viel von dieser Gruppe gehabt, was nicht heißt, daß dies immer konfliktfrei war. Ich kann mich noch erinnern, daß es irgendwann in der Tempelgasse einige Männer gab, die den Elternabend dominierten. Da haben wir eine Zeitlang parallel dazu Frauenelternabende / Mütternelternabende gemacht. Dies hat gewirkt und den Männern auch nicht gefallen, und so gab es wieder gemeinsame Elternabende. Aber dieses aktive Reagieren war immer ein Merkmal unserer Schule/n. Die meisten Schulen waren ganztägig, und es war selbstverständlich, daß es keine obendrein von Pausen unterbrochene Stundeneinteilungen gab. Alles war sehr miteinander verwoben: Lernen und Spielen, das Weggehen mit den LehrerInnen, Müttern und Vätern. Viele Mütter und wenige Väter waren direkt in den Unterricht eingebunden und haben selber Projekte angeboten. Die Eltern brachten jeweils das ein, was sie gut konnten oder beruflich taten eine Mutter war z.B. Architektin, ein Vater Musiker , aber nicht nach dem Motto: "Jetzt bring ich denen was bei", sondern "ich geh jetzt in die Schule meiner Kinder und zeige denen alles, was ich kann, und dann schauen wir, ob sich etwas daraus entwickelt".
Das war schon sehr schön, wenn ich mich daran erinnere. Nicht zu unterschätzen und auch sehr wichtig war, daß bei uns täglich von einem Elternteil und den Kindern frisch gekocht wurde, also wieder dieses aufeinander bezogene Lernen und Leben. Unser erstes Alternativschulbuch heißt "Leben Lernen", wo genau dies besonders hervorgehoben wurde.
Nicht wegzudenken aus dieser Geschichte ist der ständige Geldmangel eine leidige Angelegenheit , und dazu kam noch, daß wir einen sozialen Anspruch hatten. Wir hatten von Beginn an eine soziale Staffelung. Dieses aufgezwungene Moment des Schulgeldes war ein Problem. Wir bekamen ja nicht das Geld, das ein staatliches Schulkind kostete, sondern (fast) gar keines. Es war auch nicht so, daß die Alternativschuleltern und vor allem die Alleinerzieherinnen mit Geld gesegnet waren/sind, sondern nur mit einem anderen Verständnis für Erziehung. Es war immer eine mühsame Angelegenheit, dieses Geld aufzustellen, um die LehrerInnen auch nur halbwegs anständig bezahlen zu können. Es war nie so viel, wie LehrerInnen im öffentlichen Schuldienst verdienen. Die LehrerInnen waren immer besonders engagierte Leute, die auf Geld verzichtet haben. Negativ betrachtet könnte ich sagen: es ist Selbstausbeutung in Reinkultur, und jede/r muß sich selbst entscheiden, was ihr/ihm lieber ist. Mir war diese Selbstausbeutung bewußt, aber es war mir um Häuser lieber, als Dompteur in einer öffentlichen Schule zu sein. Leider gehen die meisten nach zehn bis fünfzehn Jahren weg, da es ja keine Absicherung gibt. Aber auch das hat etwas Positives, wenngleich die erfahrenen Leute weggehen. Wenn jemand soviele Jahre an einer Sache gearbeitet hat, wird es Zeit, etwas anderes zu tun. Nicht, weil einem das Alte nicht mehr gefällt, sondern um Neues kennenzulernen und aufzubauen. Schön wäre es, wenn die neuen und die ehemaligen LehrerInnen einander kennenlernen könnten. Was eine gute Alternativschule leistet und ich sage gleich sehr kritisch dazu, nicht jede Alternativschule ist eine gute kannst du nirgendwo lernen. Du kannst noch so viele Bücher gelesen haben, wenn du dann dort stehst, ist alles anders. Die Kinder müssen nicht, und du hast kein Mittel, sie zu etwas zu zwingen, du kannst mit nichts drohen, was tust du dann? Das ist spannend an den Alternativschulen, deswegen wäre ich sehr dafür, daß alle, die an einer Alternativschule unterrichten wollen, schon ein Jahr vorher dabei sind, um zu lernen. Sie sollten auch an den Elternabenden teilnehmen, um mitzubekommen, was dort passiert.
Etwas selbst auf die Füße zu stellen und zu finanzieren, beinhaltet zwar auch Eigenständigkeit, jedoch hätte ich gern darauf verzichtet, wenn ich mein Geld bekommen hätte. Die Idee der Alternativschule hätte sich sehr viel schneller durchgesetzt, wenn es so etwas wie eine Basisfinanzierung gegeben hätte. Wenn pro Kind ÖS 3.000,- bezahlt worden wären und das ist immer noch ein Bruchteil von dem, was ein Schulkind in der öffentlichen Schule braucht , hätten wir den Rest selbst aufgestellt, was unsere Motivation keinesfalls gebremst hätte. Man braucht ja nur mit den Kindergruppen zu reden. Es gab bis vor kurzem über 44 Kindergruppen in Wien verstreut über das ganze Stadtgebiet. Das ist es, was wir auch wollten: auf möglichst viele Stadtteile verteilt Alternativschulen gründen und erhalten. Dies war eines unserer Ziele. Es hat sich aber bald herausgestellt, das wir angewiesen sind auf Räume, die nichts oder fast nichts kosten, fünf Schulen an zwei Adressen sagt ja einiges aus. Dezentralisieren geht nicht aus finanziellen Gründen. Auf lange Sicht ist die Finanzierung unheimlich kräftezehrend. Politisch ist das Verhalten der Regierungsparteien völlig widersinnig, denn die Alternativschuleltern sind genauso SteuerzahlerInnen, sie bekommen jedoch kein Schulgeld und nicht einmal Freifahrten auf den öffentlichen Verkehrsmitteln. Eigentlich müßte eine Grundsubventionierung vollkommen selbstverständlich sein. Es ist eine politische Unverfrorenheit der Sonderklasse, die nicht zuletzt dazu geführt hat, daß die Alternativschulbewegung massiv eingebremst wurde. Die öffentlichen Schulen könnten sich auch tun (vgl. Beitrag von S.Nielson, S.007). Nur dauert das so lange
Wenn du in Wien 30 über die Stadt verteilte Alternativschulen hättest, in Stadtteilzentren usw., an Plätzen, wo die Interessen der Kinder im Mittelpunkt stehen, dann hätten alle etwas davon. Daß die Kinder keine Rolle spielen, ist nicht nur ein Schulproblem, sondern sie haben keinen Platz in dieser Stadt. Es gäbe soviel zu tun, und es könnte sich soviel entwickeln, und die Alternativschulen wären ein wichtiger Teil davon. Früher leider heute etwas weniger war ein Großteil der Eltern sehr politisch. Nicht parteipolitisch, sondern Menschen, die politisch dachten und auch noch jetzt denken. Wer sich Schule anschaut und das tun Alternativschulleute muß genau hinschauen, wissen wie die Sachen vor sich gehen und Vorstellungen davon haben, wie es besser laufen könnte. Da wäre es schon schön, wenn die Freien Schulen so finanziert würden, daß auch Kräfte für andere Aktivitäten frei werden. Werden sie leider nicht. Die Politik der regierenden Parteien ist nicht daran interessiert, daß es viele denkende Menschen gibt, sondern vielmehr daran, derartige Aktivitäten klein zu halten. Die Alternativschulbewegung drängt in Richtung Veränderung, und das wollen die Herrschenden nicht. Es ist ein großer Unterschied, ob Menschen großen Wert darauf legen, selbstbestimmt zu leben, oder ob sie eine lenkbare Masse sind und bleiben.
Trotzdem muß ich noch sagen, daß die Qualität öffentlicher Schulen sehr unterschiedlich ist. In den Volksschulen hat sich sehr viel bewegt, gerade auch durch die Alternativschulen. Den größten Reformbedarf haben die weiterführenden Schulen. Studien über öffentliche Schulen zeigten, daß etwa ein Drittel der SchülerInnen/LehrerInnen und Eltern selbstbestimmtes Lernen bevorzugen würde.
Anders als in Regelschulen ist für die Mitarbeit in Alternativschulen allerdings noch immer viel Mut und Zeit erforderlich, die aufzubringen sicher nicht alle willens oder fähig sind. Wenn ich nur bedenke, was ich dort geputzt, gekocht, Böden geschrubbt, lackiert, diskutiert habe
Kritische Punkte in jener Zeit waren die Fächerprüfungen für die Zehn- bis Fünfzehnjährigen. Das paßte nicht mit dem ganzheitlichen Lernen zusammen, mit vernetztem Denken, Projektunterricht usw. Es liegen so viele Brüche und Konflikte darin. Ich glaube, so würde ich das nicht noch einmal machen wollen. Es hat keinen Sinn, wir mußten zu viele Abstriche machen. Im WUK hatten wir das große Glück, daß das Gebäude früher eine Schule war, d.h. es war von der Baubehörde bereits als Schulgebäude genehmigt. Die Zulassung zur Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht konnte nicht aufgrund fehlender Toiletten, Fluchtwege, DirektorInnenparkplätze
verweigert werden ( an dieser Hürde scheitern nämlich einige Schulen mit ihrem Antrag auf Zulassung. Anm. der Hginnen). Mit dieser Zulassung sind die jährlichen Prüfungen an Regelschulen nicht mehr erforderlich.
Wichtig finde ich, daß die Erwachsenen in einer Alternativschule eine gewisse Disziplin mitbringen. Ich würde es heute nicht mehr zulassen, daß sie die Gruppe für die eigenen Geschichten benutzen. Ich denke mir heute: "Leitln, reißts euch zusammen. Bei allem Leben und Lernen ist es in erster Linie die Schule eurer Kinder." Okay, alle, die durch das Schulsystem geschleust wurden oder sich in Arbeitsverhältnissen befanden, die nicht gut für sie waren, haben/hatten viel nachzuholen aber trotzdem muß es Grenzen geben.
Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, für die ich ja in diese Schule gekommen bin. Sie sind sehr soziale und liebe Menschen geworden. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht, du kannst ja einen Erziehungsprozeß nicht so steuern, daß die Kinder so werden, wie du willst, aber es taugt mir schon sehr, daß meine so interessiert und offen sind. Eltern, die beabsichtigen, daß ihre Kinder so werden, wie sie wollen, sind mir suspekt. Ich muß schauen, wie das Leben mit den Kindern ausschauen kann, daß es ihnen gut tut, und daß es auch einem selbst gut tut. Wie kann ich sie unterstützen, wie ihre Entwicklung fördern, jedoch einen Anspruch anerziehen zu wollen, ist mir suspekt. Mich freut es sehr, wenn ich lese, daß es mit der Erziehung nicht so klappt. Meine Kinder schauen zwar super aus, aber ich würde sie auch akzeptieren, wenn sie anders wären. Ich habe aber auch nie eine strenge, genaue Vorstellung davon gehabt, wie sie werden sollten.
Ich würde auf jeden Fall wieder in die Alternativschule gehen, aber nur im Rahmen des Öffentlichkeitsrechts. Nur damit kannst du umsetzen, was sich experimentell als günstig herausgestellt hat. Immer wenn du einem Lehrplan und einer Abschlußprüfung unterliegst, gerätst du in Konflikte und in einen Zwiespalt, der sich im Grunde nicht auflösen läßt.
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