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1976 habe ich gemeinsam mit den Eltern von insgesamt zehn Kindern in Wien einen sogenannten Kinderladen gegründet, also einen selbstorganisierten Kindergarten, der zumindest von den Außenstehenden mit dem Etikett "antiautoritär" versehen wurde. Jetzt sind meine Kinder zwölf und vierzehn Jahre alt, und ich bin in meinem siebenten Alternativschuljahr.
In diesen Jahren habe ich unzählige Gespräche über Erziehung und Alternativschulen geführt, in denen sich gewisse Einwände und Argumente oft wiederholen. Mit einem davon möchte ich mich hier auseinandersetzen: Wie werden Kinder, die aus einer Alternativschule kommen, "im Leben" bestehen? Diese Frage taucht auch bei Gesprächen unter den Eltern unserer Schulgruppen immer wieder auf. Woher kommt eigentlich diese Angst, daß die Kinder "im Leben" nicht bestehen werden? Worin besteht sie konkret?
Zunächst einmal sollten wir uns bewußt machen, daß hinter dieser Art der Fragestellung die Annahme versteckt ist, daß alle oder zumindest fast alle AbsolventInnen der öffentlichen Schulen "im Leben" bestehen. Den Beweis dafür, daß diese Annahme falsch ist, brauche ich hier wohl nicht führen. Weiters impliziert diese Fragestellung, daß "das Leben" erst nach dem Schulabschluß beginnt. Mit vierzehn? Mit achtzehn? Nach Beenden eines Studiums? Ich glaube, daß hier "Leben" mit "Arbeitswelt" mehr oder weniger gleichgesetzt wird, die Frage also lautet: Wie werden Jugendliche in die Lage versetzt, den Ansprüchen in der Arbeitswelt gerecht zu werden? Was sind das eigentlich für Ansprüche, von denen frau/man annimmt, daß AbsolventInnen von Alternativschulen ihnen weniger gerecht werden als AbsolventInnen der öffentlichen Schulen? Ich vermute Dinge wie Leistungsdruck, Disziplin, Arbeit als wichtigster Lebensinhalt, Karrieredenken, Unterwerfung, Fremdbestimmung
, wobei besser davon ausgegangen wird, daß frau/man mit diesen Dingen um so besser fertig wird, je früher frau/man ihnen ausgesetzt wird.
Damit also unsere Töchter und Söhne nicht zu Aussteigern werden, müssen wir sie möglichst früh Leistungsdruck, Disziplinierung, Fremdbestimmung usw. aussetzen, damit sie es lernen! Oder wie mir eine AHS-Lehrerin (= Allgemeine Höhere Schule) unlängst sagte: "Ich glaube, daß es für das Mädchen gut ist, wenn es lernt, daß man im Leben auch Dinge machen muß, die man für dumm und unnötig hält."
Ich glaube das nicht. Ich bin sicher, daß für meine Kinder das Leben schon begonnen hat, daß ihre Schulzeit nicht ausschließlich dazu da ist, sie auf ein späteres Leben vorzubereiten. Mir scheint es viel wichtiger, daß sie lernen, ihr jetziges Leben mit all seinen Problemen zu meistern. Ich möchte, daß ihnen die Schule dabei hilft, und bin ganz sicher, daß ihnen das auch bei zukünftigen Problemen helfen wird.
Ich habe mich in diesen sieben Jahren davon überzeugt, daß auch Kinder über sechs wißbegierig sind, gerne und freiwillig lernen, und daß dieses lustvolle Lernen auch im Sinne unserer traditionellen Schule die besseren Resultate bringt. Meine Tochter hat nach vier Jahren Alternativschule beschlossen, daß sie die öffentliche Schule versucht. Immer wieder hat sie gehört: "Aber was werdet ihr machen, wenn ihr in die öffentliche Schule gehen müßt. Ewig könnt ihr doch nicht eure Alternativschule weitermachen." Offenbar hat sie das Gefühl bekommen, beweisen zu müssen, daß sie nicht deshalb in eine Alternativschule geht, weil sie für eine öffentliche zu blöd ist.
Leistungsmäßig hat sie den Wechsel problemlos geschafft, d.h. die Schule war mit ihr zufrieden. Und was hat sie dort gelernt?
Es ist nicht wichtig, die richtigen Fragen zu stellen (Lernziel der Alternativschule), sondern die richtigen Antworten zu geben.
Es ist nicht wichtig, sich für ein Thema zu interessieren, einer Frage nachzugehen, sondern so zu lernen, daß frau/man gute Noten bekommt.
Es ist nicht wichtig, über Dinge zu schreiben, die eine/n bewegen, die frau/man ausdrücken möchte (unter Umständen auch mehrere Tage an einer Erzählung zu arbeiten), sondern daß frau/man in 50 Minuten eine Schularbeit zu einem vorgegebenen Thema abliefert.
Es ist nicht wichtig, sich mit Ihr/sein/en MitschülerInnen auseinander zusetzen, sie zu unterstützen, ihnen zu helfen, wenn sie Hilfe brauchen, sondern daß der Lehrer/die Lehrerin einen möglichst guten Eindruck erhält.
Es ist nicht wichtig, sich zu entwickeln, etwas dazuzulernen, sondern im Vergleich zu anderen gut (besser) zu sein.
Nach einem Jahr Erfahrung (als Mutter) mit der öffentlichen Schule bin ich überzeugter als je zuvor, daß unsere Schule die Kinder weit besser befähigt, ihren Platz zu finden und ein sinnvolles, ausgefülltes, glückliches Leben zu führen.
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