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Ein Jahr in der Regelschule
Damals hätte ich auf sie hören sollen. Aber in meiner Ignoranz zwang ich sie natürlich, in die Schule zu gehen. Zwar suchte ich eine Schule aus, die Montessori-Einflüsse und offenes Lernen versprach. Aber es wurde trotzdem ein Fiasko. Leonie war zwar in der Schule unauffällig und "brav", und ihre Leistungen waren gut, aber die Wißbegierde und die Lebensfreude schwanden. Hausübungen machen waren die Hölle. Leonie tobte eine Stunde lang, weil sie die eine Hausübung nicht machen wollte, die fünf Minuten dauerte. Ich verstand überhaupt nicht, warum sie wegen der paar Zeilen Kreise und Striche so ein Theater machte.
Ihren Interessen ging sie nicht mehr nach. Sie malte nicht mehr, schrieb keine kleinen Geschichten mehr, hörte auf, Flöte und Klavier zu spielen. Wenn ich sie fragte, wie es in der Schule war, kam immer dieselbe Antwort: "Mama, es ist so schrecklich langweilig."
Als sie am Anfang des zweiten Halbjahres multiplizieren lernten, begannen ihre Rechen-Schwierigkeiten. Sie konnte zwar in Zweier- und Dreierschritten zählen, verstand aber das "Mal" nicht. Also ließ sie bei der wöchentlichen Rechenprobe die Malrechnungen aus, weil sie dachte, daß sie nichts falsch machen könnte, wenn sie nichts hinschreiben würde. Das brachte ihr die Bemerkung seitens der Lehrerin ein : "Mit
Fehlern die schlechteste Arbeit der Klasse!" Daraufhin begann sie, wöchentlich in der Nacht vor der Rechenprobe zu erbrechen und mit Kopfschmerzen aufzuwachen. Sie ging aber trotzdem zur Schule und durchlebte ihre "Rechenhöllen".
Was mich vielleicht am meisten störte war, daß der Leistungsdruck ihre beste Freundschaft zu zerbrechen drohte. Leonie und ihre Freundin kannten sich seit ihrem vierten Lebensjahr. Sie waren ein Herz und eine Seele und stritten sich so gut wie nie. Seit sie miteinander die Schule besuchten, ging es nur mehr um Leistungen und Konkurrenz. Die beiden Mädchen zählten, welche mehr Ringelsternchen und welche weniger Fehler in den Diktaten und Rechenproben hatte. Von gegenseitiger Unterstützung war keine Rede mehr.
Natürlich sprach ich oft mit der Lehrerin. Aber sie war der Meinung, daß es mit meiner Tochter keine Probleme geben würde. Leonie war eine ihrer Lieblingsschülerinnen, und so brav
Am Tag der offenen Türe, an dem die Eltern dem Unterricht beiwohnen durften, präsentierte sich die Schule nett und fortschrittlich, und ich verstand nicht wirklich, wo die Probleme meiner Tochter lagen. Für mich blieb aber die Tatsache bestehen, daß sich mein Kind nicht mehr so positiv entwickelte, wie es sein sollte oder könnte.
Als meine Tochter ihre Mappe mit Arbeitsblättern nach Hause brachte, begann ich das erste Mal zu verstehen, wie sich Leonie in der Schule fühlen mußte. Diese Mappe beinhaltete unendlich viele schlecht kopierte Zettel, die einem Kind in diesem Alter kaum zugemutet werden konnten. Das war sogar mir klar, obwohl ich, wie gesagt, von Pädagogik keine Ahnung hatte. Diese Arbeitsmappe und ein weiterer Leistungskrieg mit ihrer Freundin veranlaßten mich endgültig, nach einer anderen Möglichkeit zu suchen.
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