Damals hätte ich auf sie hören sollen!

Ich war eine von den Müttern, die keine alternative Lebensform gesucht hatten. Genaugenommen hatte ich mir gar keine Gedanken über Kinder gemacht, außer daß ich welche wollte. Ich war eine Buchhalterin, die ein Kind kriegt. Meine Tochter war geplantes, ein richtiges Wunschkind. Für meinen Mann und mich war von Anfang an klar, daß wir zwar die Arbeit mit dem Kind so gut wie möglich teilen wollten, die Verantwortung für die Erziehung aber bei mir liegen würde. Als meine Tochter ca. acht Monate alt war, fing ich halbtags wieder zu arbeiten an. Damals arbeitete ich in einem internationalen Betrieb und hatte nur auf zwei Monate Karenz Anspruch. Also suchte ich um ein Jahr unbezahlten Urlaubs an, bekam aber nur sechs Monate bewilligt. Offen gestanden war ich sehr froh, den halben Tag aus dem Haus zu kommen und wieder Arbeiten erledigen zu können, ohne von Babygeschrei unterbrochen zu werden. Für meine Tochter besorgte ich eine Kinderfrau, die ins Haus kam. Leonie wurde bis zehn Uhr von ihrem Vater versorgt, von zehn bis dreizehn Uhr kam die Kinderfrau, und den Nachmittag verbrachte ich dann mit meiner Tochter. So kam mein Kind in den Genuß, den ganzen Tag von Menschen betreut zu werden, die gerne mit ihr zusammen waren und sich ganz auf sie einstellten.

Meine Erziehung bestand hauptsächlich darin, mein Kind zu beobachten, da zu sein, wenn sie mich brauchte, und ihre Experimentierfreude nicht zu bremsen. Leonie war zwar eher ein ruhiges Mädchen, aber sie war auch sehr wißbegierig, und sie verfolgte ihre Interessen in ihrer ruhigen Art sehr konzentriert und konsequent. So brachte sie sich z.B. mit fünf Jahren selbst das Lesen und Schreiben bei, ohne daß ich es wirklich bemerkte. Den Kindergarten besuchte sie mit großer Begeisterung, und als ich mit ihr zur Schuleinschreibung ging, sagte sie zu mir: "Mama, ich gehe nicht in die Schule! Was ich wissen möchte, bringe ich mir selber bei, und alles andere will ich sowieso nicht lernen." Und sie verweigerte konsequent, den Schulreifetest zu machen und mit der Direktorin zu sprechen.